SitemapLage der GemeindeImpressumDatenschutzerklärung

Suche:

Wetter in Sand am Main

Veranstaltungskalender

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen

Gedanken von Bürgermeister Bernhard Ruß zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in dessen Verlauf die schier unglaubliche Zahl von 55 Millionen Soldaten auf beiden Seiten auf den Schlachtfeldern und den Weltmeeren verblutete. Sie sind stumme Zeugen eines Krieges, dessen Ausgang die Landkarte und das Gesicht Europas gravierend veränderte.

Hinter jedem Toten steht ein Name, steht ein Einzelschicksal, ein früh beendetes Leben, oft ein Mensch, der noch heute unter uns leben könnte. Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry brachte es auf den Punkt: „Hunderttausend Tote, das ist Statistik. Aber einer, der einem nahe stand und der fortging und nicht wiederkommt, das tut weh!“

109 gefallene und vermisste Sander Kriegsopfer waren vom 1. September 1939 bis 8. Mai 1945 zu beklagen, dazu das einzige zivile Opfer: Eugenie Feustel. Diese Toten haben einen Namen und ein Gesicht. Man muss nur in die von unserer Ehrenbürgerin Johanna Rippstein verfasste Ortschronik schauen.

Dort sind auch die dramatischen Ereignisse niedergeschrieben als der Krieg in Sand zu Ende ging. Als am 12. April 1945 die Amerikaner in Sand einmarschierten, war unsere Gemeinde ein sich selbst überlassendes Häuflein. Die Nazi-Führungskräfte waren verschwunden. Keiner wusste, wie er sich verhalte sollte, nachdem auch das Standrecht verkündet worden war.

Weil die Öffnung der Panzersperre durch den Widerstand von ängstlichen Einwohnern und anwesenden Wehrmachtssoldaten nicht erreicht werden konnte, fielen am frühen Nachmittag die ersten Granaten ins Dorf hinein. Da ging Pfarrer Albrecht Söller unbeirrt auf die Straße, sprach die Umstehenden an, und sorgte dafür, dass die Panzersperre in der Knetzgauer Straße beseitigt wurde. Eine anschließende Aussprache im Pfarrhaus mit Pfarrer Söller und drei amerikanischen Offizieren trug wesentlich dazu bei, dass größere Ausschreitungen in unserer Gemeinde unterblieben sind.

Durch Pfarrer Söllers beherztes Eingreifen war unser Dorf gerettet. Der Krieg war für Sand vorbei und die verängstigten Frauen, Kinder und Männer waren erleichtert und dankbar, diesen Tag der Befreiung erleben zu können.

So bewegend und dramatisch die Ereignisse für die Menschen an jenem 12. April vor 75 Jahren in Sand waren, sie waren nur ein mikroskopisch kleines Rädchen im Räderwerk der Geschichte. Und dennoch: Der 12. April 1945 war einer der vielen kleinen Mosaiksteine, die schließlich zur Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 führten.

Der 8. Mai 1945 symbolisiert sowohl die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg als auch die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Beide Begriffe – Niederlage und Befreiung – bedingen sich gegenseitig. Nur durch den Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland wurden die Deutschen vom Nationalsozialismus befreit; sie haben sich nicht selbst befreit.

Der Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann bringt dieses Empfinden in seiner Rundfunkrede am 10. Mai 1945 zum Ausdruck: „Wie bitter ist es, wenn der Jubel der Welt der tiefsten Demütigung des eigenen Volkes gilt. Ich sage, es ist trotzdem eine große Stunde, die Rückkehr Deutschlands zur Menschlichkeit. Es ist hart und traurig, weil sie Deutschland nicht aus eigener Kraft herbeiführen konnte.“

Der Begriff der „Befreiung“ drückte in der Bundesrepublik lange Jahre nicht die Befindlichkeit in der Bevölkerung aus. Der 8. Mai war im Gegensatz zur DDR, kein gesetzlicher Feiertag, das Kriegsende wurde in der Bundesrepublik eher wenig wahrgenommen und wenn, dann eher als Tag der Niederlage gewertet.

Es war Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der 1985 in seiner berühmten Rede zum 8. Mai den Begriff „Tag der Befreiung“ prägte. Der CDU-Politiker stieß damit nicht auf ungeteilte Zustimmung, schon gar nicht beim konservativen Flügel der Unionsparteien. Bis heute ist die Diskussion über den Begriff nicht verstummt.

Die Gewichtung ausschließlich auf die Befreiung zu setzen, ist allerdings gefährlich. Er leitet der irrigen Vorstellung Vorschub, Deutschland sei ein von den Nazis besetztes Land gewesen; eine Interpretation, die die Verstrickungen großer Teil deutschen Gesellschaft, der Eliten zumal, in den Nationalsozialismus und seine Eroberungspolitik unterschätzt. Der Nationalsozialismus hatte seine Wurzeln und seine Exponenten in Deutschland. Das dürfen wir nicht vergessen. „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch“, warnt Bert Brecht in „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, einer Parabel auf die Machtergreifung und den Machtaufbaus Adolf Hitlers.

Der Vormarsch der Alliierten war ein Akt der Befreiung. So haben es die Menschen im Land und in Sand empfunden. Niemand wird um der Befreiung Willen allerdings vergessen, welch schwere Leiden für viele Menschen mit dem Kriegsende erst begannen und danach folgten. Es wäre jedoch ein fataler Trugschluss im Ende des Krieges die Ursache für Flucht und Vertreibung zu sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. Wir müssen den 8. Mai 19945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in sich barg.

Zunächst wurde allerdings nichts besser. Die Zeit bis zur Währungsreform 1948 war eine schlimme Zeit des Hungerns, der Ungewissheit, ja der Perspektivlosigkeit. Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Das Schicksal lag in den Händen der Feinde, mit denen man nicht zimperlich umgegangen war. Würden sie sich nun rächen, für das, was ihnen vorher angetan worden war? Ein Marshall-Plan und die Segnungen, die sich daraus für die Menschen in den drei von den Westmächten kontrollierten Zonen, lagen fern jeglicher Vorstellungskraft.

Die Spaltung Deutschlands und Europa in zwei verschiedene politische Systeme nahm ihren Lauf. Es war erst die Nachkriegsentwicklung, die sie befestigte. Aber ohne den von deutschem Boden aus begonnen Krieg wäre sie nicht gekommen. Es hat über vier Jahrzehnte gedauert bis das System des Warschauer Pakts zusammenbrach und Deutschland wieder vereint wurde. Das ist nun auch schon wieder 30 Jahre her. Und noch immer nicht ist aus dem einen Vaterland ein „einig Vaterland“ geworden.

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs verstummen bald die für die Erinnerung so wichtigen Stimmen der Menschen, die authentisch von den Gräueln berichten können. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir Nachgeborenen die Erinnerung wachhalten.

Mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes hat Deutschland die Chance zu einem demokratischen Neubeginn erhalten. Und es hat sie genutzt! Wir haben seitdem eine starke friedensbewahrende Demokratie errichtet auf dem Fundament der freiheitlichsten Verfassung, die es je auf deutschem Boden gab.

Vier Jahre nach Kriegsende, am 8. Mai 1949, beschloss der Parlamentarische Rat unser Grundgesetz. Über Parteigrenzen hinweg gaben seine Demokraten die Antwort auf Krieg- und Gewaltherrschaft im Artikel 1 unserer Verfassung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Die Nationalsozialisten haben stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren. Die Gründerväter und -mütter unserer Verfassung haben ihre Schlüsse daraus gezogen und die Würde und den Schutz des Menschen (nicht des Deutschen) als obersten Verfassungsgrundsatz postuliert, an dem alle staatliche Gewalt ihr Handeln auszurichten hat.

Der Artikel 1 ist verbunden mit dem ethisch und moralisch fundamentalen Hintergedanken, dass sich die Gräuel der Zeit des Nationalsozialismus nicht wiederholen dürfen. Ihn gilt es zu verteidigen gegen die Kräfte, die zu Feindschaft und Hass gegen Menschen anderer Herkunft, anderer Hautfarbe oder anderer Religion aufrufen. Leben wir miteinander, nicht gegeneinander!

Nie gab es auf deutschem Boden einen besseren Schutz der Freiheitsrechte des Bürgers als heute. Ein dichtes soziales Netz, das den Vergleich mit keiner anderen Gesellschaft zu scheuen braucht, sichert die Lebensgrundlage der Menschen - auch oder gerade in Extremsituationen.

Der Rechtsstaat wird derzeit bei der Bewältigung der Coronavirus-Pandemie auf eine harte Probe gestellt. Eine Katastrophen-Situation ist immer die Stunde der Exekutive. Aber die Extrem-Situation wird auch vorübergehen. Dann muss das Rad der Einschränkungen der Grundrechte wieder zurückgedreht werden. Dann wird es sich beweisen, dass unsere Demokratie auf festen Füßen steht, auch wenn unser soziales und wirtschaftliches Leben anders aussehen wird und muss als vor Corona.

Das Gedenken an die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges - und damit möchte ich den Bogen wieder zum Beginn meiner Ausführungen spannen - dient nicht nur der Erinnerung an ein grausames Kapitel deutscher Geschichte. Es dient ebenso als Mahnung, dass sich so etwas nie wiederholen darf. Nie wieder dürfen Krieg und Hass zum Mittel der Politik in Europa werden. Und: Es darf keine Toleranz für diejenigen geben, die Intoleranz predigen.