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Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

der November ist ein Monat des Gedenkens an unsere lieben Verstorbenen und an die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege. Er ist aber auch ein Monat des Nachdenkens gerade über den menschenverachtenden Nationalsozialismus und seine verheerenden Folgen, die in der Ermordung Millionen von Menschen jüdischen Glaubens, Behinderten, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden - kurz gesagt: allen, die anders waren als es sich die NS-Ideologen vorstellten - gipfelten. Das Ergebnis war ein Land, eine Gesellschaft, ein Kontinent, eine Welt in Trümmern. Die Folgen wirken bis in die heutige Zeit nach. Daran habe ich an meiner Gedenkrede zum Volkstrauertag am 17. November erinnert.

„Am Morgen des 1. September 1939 verkündete Hitler: „Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen!“ Damit begann der Zweite Weltkrieg. Er war gebaut auf eine riesige Lüge. Schon im allerersten Satz zum Krieg musste mit einer Lüge unterstrichen werden, dass die Anderen Schuld sind. Deshalb müssten sie bekämpft und vernichtet werden. So reihte sich Lebenslüge an Lebenslüge. Bis zum bitteren Ende.

Die deutsche Wehrmacht überfiel Polen ohne Kriegserklärung. Es begann der Zweite Weltkrieg, der sechs Jahre dauerte und rund 60 Millionen Menschen das Leben kostete. Ein Zehntel der Opfer waren Polen, die Hälfte von ihnen jüdischen Glaubens. Polen war das erste Opfer der Ideologie vom „Lebensraum“: Der Staat wurde zerschlagen, seine Bevölkerung mit Vertreibung, Zwangsarbeit, Terror und Vernichtung überzogen.

Nur einige wenige können sich noch bewusst an den Kriegsausbruch und den Krieg erinnern. Die meisten von uns sind später geboren. Viele fragen sich: Was habe ich mit den Ereignissen von damals zu tun? Für sie ist das Geschehen von damals „nur“ Geschichte, etwas für Historiker. Mit ihrem Leben hat das nichts zu tun. Wirklich?

Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Dieser Gedankengang des spanisch-amerikanischen Philosophen und Schriftstellers George Santayana, der von 1863 bis 1952 gelebt hat, hat nach wie vor seine Gültigkeit. Heute mehr denn je.

Anlässe für einen Nachhilfeunterricht in Geschichte bietet 2019 den nachgeborenen Europäern mehr als genug:

Im Frühsommer wurde der Konsequenzen des Ersten Weltkrieges und des Versailler Vertrags sowie der Landung der Alliierten 1944 in der Normandie gedacht;
im August jährte sich der Warschauer Aufstand zum 75. Mal und im Frühjahr 2020 folgen dann die Jahrestage von Jalta, dem Sieg über Hitler-Deutschland und Potsdam.
Dazwischen liegen parallele europäische Gedenktage an die Revolutionen 1989:
an den polnischen Runden Tisch im Frühjahr und die für die Solidarność triumphalen Wahlen,
an die „Samtene Revolution“ in der Tschechoslowakei,
an den Sturz des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu
und als Höhepunkt aus deutscher Sicht: an den Fall der Berliner Mauer und die daraus resultierende Wiedervereinigung.

Nach dem Zusammenbruch der Kommunistischen Staaten hatten Viele in Europa den Traum von einer heilen Welt. Der erfüllte sich aber nicht. Er zerstob mit der Finanzkrise 2008 in den USA und dann 2010 der Schuldenkrise in der Eurozone. Den Amerikanern und Europäern gelang es zwar, mit enormen Geldspritzen für das Bankensystem, eine vergleichbare Weltwirtschaftskrise wie 1929 zu verhindern, doch die Kollateralschäden für das globale Finanz- und Staatensystem waren erheblich.

Das Vertrauen in die schwerfälligen internationalen Institutionen und „postnationalen“ Gebilde wie die Europäische Union schwand zusehends. Nicht zufällig nahm die Weltgeschichte zur gleichen Zeit eine autoritäre Wende. Dazu zählen Putins Abwendung vom Westen, die nationale Nabelschau in Ungarn und Polen, das neue Selbstbewusstsein Chinas, der Brexit und schließlich auch der Sieg Trumps 2016 in den USA.

Plötzlich wurde selbst über Soldatengräbern weniger Versöhnung angestrebt, als die eigenen militärischen Tugenden beschworen. In Moskau waren die Siegesparaden so pompös wie eh und je, aber auf einmal wurde Stalin wieder verherrlicht. In Deutschland konnte ein rechtsradikaler Populist das Dritte Reich als „Vogelschiss“ abtun und zum Stolz auf die Leistung der deutschen Wehrmacht im Krieg aufrufen.

Wir wollen nichts dramatisieren. Aber wir dürfen die Zeichen der Zeit auch nicht verkennen. Wir müssen Position beziehen. Darauf weist Simon Pearce in seinem Gedicht „Bei Hitlers brennt noch Licht“ hin:

Bei Hitlers brennt noch Licht.
Es ist nie ganz erloschen,
nur eine kurze, ruhige Zeit
war's Fenster fest verschlossen.

Nur ab und zu, ganz schüchtern
fast, kaum hörbar, ein Gewisper.
Man nahm's kaum wahr und dachte sich:
"Was soll's? Da ist noch Licht an."
Bei Hitlers brennt noch Licht - .

Jetzt treten sie ans Fenster.
Jetzt sieht man sie, jetzt hört man sie,
das sind keine Gespenster.
Ganz stolz und lautstark steh'n sie da,
entzünden und krakeelen.
Und ihre Drohung ist ganz klar:
"WIR GEHEN WIEDER WÄHLEN!"

Bei Hitlers brennt noch Licht.
Vernunft wo bist Du? Wo?
Komm' raus und hilf ... und schalt' es aus.
... sonst brennt es lichterloh.

Am diesjährigen Volktrauertag gedenken wir des Leides, das unsere Vorfahren über unser Nachbarland Polen und die Völker Europas und der Welt gebracht haben. Wir gedenken des Mutes derer, die sich für die Versöhnung unserer Völker eingesetzt haben und sich weiter engagieren.

Nie wieder dürfen Krieg und Hass zum Mittel der Politik in Europa werden. Es darf keine Toleranz für diejenigen geben, die Intoleranz predigen.

Wehret den Anfängen.“


Mit freundlichen Grüßen
Ihr

Bernhard Ruß
1. Bürgermeister